Guten Abend, meine Damen und Herren,
Medizynisches, nun ja, dass das kein Druckfehler ist, haben Sie sicher geahnt, dass es dieses Wort bisher nicht gab, haben Sie gewusst, und dass es sich um eine Wortschöpfung aus zwei Begriffen handelt, haben Sie sich gedacht.
Das haben Sie sich gedacht, ja.
Ja gut, eine Schöpfung ist es, und Zynisches steckt drin, ist klar. Zynisch ist bekannt, nehme ich mal an, zynisch kommt von den Zynikern, auch Kyniker genannt, und das war eine Philosophenschule, die um 300 vor Christi Geburt gegründet worden ist.
Ja, das weiß ich deshalb, weil in der Zeit ein Herr Antisthenes gelebt hat, und der hat sie gegründet. Die Schüler haben sich in der athenischen Vorstadt Kynosarges getroffen, von deren Name die Spottbezeichnung "Hunde" kam.
Kyniker! Sie sehen schon, es war ein weißer Schimmel, als man Harald Schmitt als zynischen Hund bezeichnet hat.
Aber was haben Sie sich nun weiter gedacht? Ich weiß ja gar nicht, ob Sie sich überhaupt was gedacht haben, aber ich nehme an, dass Sie auf den Begriff Medizin gekommen sind.
Ja? Falsch. Das "zin" haben wir ja bei "Zynisches" verbraten, bleibt "Medi".
Also zum Beispiel "medial", das ist lateinisch und heißt: Die Mitte bildend. Sowas gibt es in Deutschland nicht. Bei uns ist niemand die Mitte. Die Regierung sieht sich oberhalb und alle anderen darunter. Die Opposition sieht das genau umgekehrt. Und das ist in beiden Fällen zynisch, denn Zynismus ist die Lebensanschauung, die aus scheinbar überlegener Sicht alle Werte herabsetzt.
Nun hätten wir den Zynismus gar nicht gebraucht, denn aus dem Französischen kam der Begriff "medisieren", der so viel wie lästern oder schmähen bedeutet. Zynisch schmähen ist also auch ein weißer Schimmel.
Medisieren ist aber schön. Wenn ich sagen würde: "Stoiber schmäht die Regierung," dann würde ihm das kaum gefallen, wenn ich aber sage: "Stoiber mediesiert die Regierung," würde er sich vielleicht sogar geschmeichelt fühlen.
Und jetzt kommen Sie so langsam ins Grübeln, zum Nachdenken, ins Sinnen, und wissen Sie, wie man das nennt? Meditieren. Haben Sie schon mal zynisch meditiert, also alle Werte herabsetzend nachgedacht? Da brauchen Sie den Zynismus schon wieder nicht. Meditation, Aufsteigen zu höheren Bewusstseinsstufen, in der mittelalterlichen Mystik der Versuch, über Gottes Wesen Klarheit zu erlangen. Das war ja nun wirklich der Versuch, aus scheinbar überlegener Sicht Werte herabzusetzen.
Übrigens mittelalterlich. Mittelalterlich heiß auch mediäval. Die mediävalen Methoden moderner Politik haben ja auch was zynisches.
Zu den Methoden der modernen Politik gehört auch die Mediation. Mediation heißt Vermittlung. Mediation ist die Konfliktlösung, für die ein nicht am Konflikt beteiligter Staat den streitenden Staaten Vermittlung anbietet, wobei er eigene Vorschläge zur Streitschlichtung unterbreitet.
Da Mediation aber ja nicht angewandt wird, obwohl sie in Artikel 33 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannt ist, muss man eben nach Ende des Streits zur Medikation greifen, zur Anwendung von Medikamenten, und das macht man üblicherweise, um Schäden zu beseitigen, die ein Mediator hätte verhindern können.
Der Mediator, der Vermittler. Gut, Fischer versucht das immer wieder mal. Er tritt gerne als Mediator auf, beschränkt sich dabei aber meist auf die Aussage, das er selbst nicht zu schießen gedenkt.
Der Mediator Fischer mediatisiert nicht. Nein, das macht Schröder. Mediatisieren, jetzt sind wir übrigens wieder im Mediävalen, wissen Sie noch? Richtig, im Mittelalterlichen, mediatisieren heißt, einen reichsunmittelbaren Stand der Landeshoheit eines anderen Reichsstandes unterstellen. Und Schröder mediatisiert den Stand der Minister indem er ihn dem Stand des Bundeskanzlers unterstellt.
Das haben Sie nicht gedacht, dass Sie hier heute abend was lernen können, oder? Aber jetzt haben Sie es gleich geschafft. Ich muss nur noch kurz auf Aloisius im Hofbräuhaus eingehen. Sie wissen ja, der hat den Brief vom lieben Gott an die bayerische Regierung eines guten Bieres wegen ...
Um Bier geht es hier aber gar nicht. Aloisius war jemand, der in der Lage war, Botschaften zwischen der Geisterwelt und den Menschen zu vermitteln, und solche Leute nennt man Medium.
Medium ist aber auch das Mittel, also sowas wie das Mittel zum Zweck. Und wir wollen nun verschiedene Mittel anwenden, um Sie zu unterhalten. Da es im Kabarett nicht immer ohne Zynismus abgeht, weil es häufig um den Zynismus der Anderen geht, müssen Sie heute abend mit dem Medium Zynismus rechnen, eben mit Medizynischem.