Moderne Technik
norddeutsches Solo
Junge, was war Hermine aufgereecht, is aber doch auch wahr, Mensch, hat sie in ihrn langn 90 Jahre währndn Lebm immer wieder versucht, aus ihre Nachkomm’nschaft anständige Leute zu erziehn, und denn sowas.
Hat sie beobachtet neulich, nech, is Katrin aus e Schule gekomm’n. Das is ihre Urenkelin is das und is auch nich alleine gekomm’n, is klar, hat ja ne lütte Freundin in’n Dorf, und sind sie beide aus n Bus raus gestiegn, Katrin und ihre Freundin.
Fraacht doch dieses Gör von Freundin ihre lütte unschuldige Katrin, ob sie heute Nachmittach Lust hat. Lust! Also Hermine weiß natürlich auch, was Lust is und hat sie früher ja auch ma so ab und zu gehabt, aber wenn du früher lüstern wars, denn wars du das ebm, hat auch Spaß gemacht, aber has doch nich über geschnackt, schon gar nich, wenn du ers 10 Jahre alt wars, nech.
So is das, könnt ihr mir glaubm.
Gut, is klar, Lust kann auch von „lustich“ komm’n, und denn is das anständich, und denn hätte Hermine sich da auch gar nich über aufgereecht, aber dieses Gör von Nachbarstochter hat noch gesaacht: „Wenn du Lust has, schick ich dir n Emil.“
Emil heißt der Bengel also, der ihre lütte Katrin von e Bahn der Tugnd wech lockn soll. Mit 10 Jahrn is die Deern doch nu wirklich noch n Kind, die kanns doch nich mit irgnd so n Emil alleine lassn, schon gar nich wenn sie Lust hat.
Gut, die Freundin aus n Dorf is ja n büschn früh entwickelt, nech, muss man so saagn, is auch man ers 10 Jahre alt, trächt aber all n BH, nech, Cup B, wenn ihr wisst, was ich mein, da guckn sich die Jungs schon ma um.
Also, ich fass das ma ebm zusamm’n: Hermine war entrüstet.
So is das, könnt ihr mir glaubm.
Hermine hat sich denn die Erlaubnis von Erika, was die Mutter von Katrin is und die Enkelin von Hermine, weshalb Hermnine ja auch die Uroma von Katrin, aber die verwandtschaftlichn Verhältnisse sind hier nu nich so wichtich, also Hermine hat sich die Erlaubnis geholt, bei e Erziehung n büschn mitzuhelfm.
Hat sie gekricht.
„Katrin,“ hat sie also gefraacht, „wer is Emil?“.
„Was für n Emil?“, hat Katrin gefraacht, „ich kenn kein’n Emil.“
Nu lüücht das Gör auch noch. Und das mach Hermine ja nu gar nich leidn, nech, also, die Uroma anlügn is ja noch viel schlimmer als Lust habm, auch mit 10 Jahrn all.
Hat n büschn Streit gegebm und denn hat Katrin das ihre Uroma klar gemacht, also, das war so: Manuela, das is die Nachbarsdeern mit n Erwachsnen-BH, die hatte das nämlich so gesaacht, also, wenn Katrin Lust hat, mit ihr in’n Kino zu gehn, denn wollte sie, und nu hat Katrin ganz deutlich hochdeutsch geschnackt, denn wollte sie ihr ein E-Mail schickn, nee, war doch nich deutsch, na is egal, also ein E-Mail schickn, wo in steht, was das heute in’n Kino gibt.
So was kanns habm, wenn ältere Leute mit e neuere Technik zu kriegn kriegn. Ne, das is manchma wirklich nich so einfach. Denk dir ma zu’n Beispiel die Bahn. Früher bis du nach n Bahnhof gegangn, has auf n Fahrplan geguckt, 14 Uhr 12, denn has ne Fahrarte gekauft und bis um 14 Uhr 12 in n Zuch gestiegn.
Heute is das so: Du gehs nach n Bahnhof, gucks auf n Fahrplan, 14 Uhr 12, denn siehs du dass der Fahrkartnschalter dicht is und denn gehs du um 14 Uhr 12 auf n Bahnsteich und der Zuch kommt nich.
Kann Hermine ne Geschichte von erzähln. Das war an’n Sonnabmd, den 8. Juli im Jahre des Hern 2000. Ich weiß nu nich, kennt ihr euch in’n Nordn so n Büschn aus? Ja? Wisst ihr wenichstns so ungefehr, wo Hambuich liecht?
Ja was, „an e Elbe“ langt hier nich, da liecht Dresdn auch. N Büschn genauer muss das nu sein. „Unterelbe“ is schon besser, nich genauer?
Pass auf, Hambuich liecht genau zwischn Seevetal und Norderstedt.
So is das, könnt ihr mir glaubm.
Ja, is klar, Hambuich liecht auch zwischn Reinbeck und Pinneberch, und zwischn Ahrensbuich und Buxtehude liecht das auch.
So, nu habm wir Hambuich eingekreist. Und genau von da is Hermine nich los gefahrn. Die is nämlich von Hambuich-Harbuich losgefahrn, nech, 14 Uhr 12.
Hab ich auf sie gewartet aufm Bahnhof, nech, ich mein, dass Fraun immer ma n büschn was zu spät komm’n, das kenns ja, aber Hermine kricht das fertich, mit n ganzn Zuch zu spät zu komm’n, also genau genommn mit n halbm
Muss ich euch ma ebm erklärn. Is so, is n Doppelzuch. Sind also zwei von diese modern’n IC-Züge zusamm’n äh gemacht, nech, und weil so n einfacher Zuch ja nu vorne und hinten ne flache Schnautze hat und man die Schnautzn auch nich abmachn kann, sieht das denn aus, als wenn sich die beidn Züge küssn
Guck, und genau so war das den Tach nich. Da kam nämlich bloß n halbm Zuch an. Und genau in den halbm Zuch war Hermine nich in. Gut, um Hermine muss du dir normal keine Sorgn machen, aber wenn sie um 17 Uhr 31 da sein soll, und der Lautsprecher aufm Bahnsteich hat auch nix gesaacht.
Muss dir ma vorstelln, da fehlt n ganzn halbm Zuch mit Hermine in. Hab ich nachgefraacht bei so ne Deern mit e dienstliche Mütze. Hat sie gesaacht: der Rest kommt n büschn was später. Hat sie aber bloß mir erzählt, ging die annern Leute aufm Bahnsteich wohl nix an.
Und denn is Hermine endlich angekommn. Hab ich gefracht, Hermine, hab ich gefraacht, has du den Zuch kaputt gemacht? Ach was, hat Hermine geschimpft, wir habm irgndwo, mach Hannover gewesn sein, aufm Bahnhof rumgestandn, keiner durfte aussteign, und habm gewartet. Und weiß du wo auf? Aufm Schaffner. Der von Hambuich hatte nämlich Feierabmd und der neue is nich aufgetaucht.
An e Stellneinsparung hat das nich gelegn, weil, bei’n Zuchbegleitpersonal wolln sie ja gar Stelln einsparn, das soll ja bei e Technik passiern. Ja nee, is ja auch klar, nech, Zuchbegleiter müssn ja guckn, ob auch alle bezahlt habm, da geht das um Geld, die Leute kanns nich entlassn.
Nee, Leute wolln sie bei e Technik einsparn, das is da, wo das um e Sicherheit von e Fahrgäste geht. Und das geht ja auch. Guck ma. Wenn du in’n Zuch in sitzt, nech, also merkn tus du in den Moment nix von e schlechtere Sicherheit, is klar, aber denk ma über nach, denn has du all bereits bezahlt. Wenn denn was passiert, den hat die Bahn schon dein Geld. Den’n is das doch nu ganz egal, wie sicher dass du reisn tus.
Bloß guckn, ob du auch bezahlt has, das tut natürlich nötich, und auf den, der guckt, muss du notfalls auch ma ne Stunde wartn.
Und wenn du bezahlt has, is das auch schietegol, ob du hin komms wo du hin wills, als hermine nämlich aus n Zuch gestiegn is, da ging plötzlich die Stimme aus n Lautsprecher wieder: „Der Regionalzug nach Aschaffenburg über Karlstadt, Gemünden fährt wegen einer Baustelle zwischen Karlstadt und Gemünden heute nur bis Karlstadt.“