Das höchste Gericht

Gedicht von Charlotte Kurth

 

Es saßen vor einem fiktiven Gericht

der Jude, der Moslem, der Christ.

Der Richter verhüllt die Gestalt, das Gesicht,

doch jeder weiß, wer er ist.

"Wer ruft", so sprach er, "hier um sein Recht,

tretet vor, Ihr da aus dem Erdengeschlecht,

wer seid Ihr, was habt Ihr zu klagen?"

 

"Menschen, Herr, sind wir aus unseren Tagen,

gemartert, verbrannt, erschossen, geschunden,

von allen gefoltert, mit blutenden Wunden."

 

"habt Ihr auch Zeugen für diese Not?"

"Gewiß, Herr Richter, fragt nur den Tod."

 

Der trat hervor aus dem dunkelen Rahmen:

"Ich, Herr, erschlug sie in Deinem Namen."

 

Der Jude trat vor: "Du weißt es, mein Herr,

unser Leben auf Erden war allezeit schwer.

Auge um Auge hast Du uns verschrieben,

und als wir gelitten, wo warst Du geblieben?

Nun kämpfen wir wieder von Feinden umstellt

mit Blut für ein Leben in dieser Welt."

 

Der Moslem rief aus, in der Hand den Koran:

"Was hat man dem heiligen Buch angetan!

Höre, Herr Richter, von unseren Nöten,

für unseren Glauben mussten wir töten.

Wer immer ihn schmäht, wo immer es wäre,

er wurde gerichtet zu Deiner Ehre."

 

Der Christ stand auf, gebeugt das Haupt:

"Wir haben immer das rechte geglaubt.

Wer es leugnete, musste verderben

und für den falschen Weg sterben.

Dafür stirbt heut' noch in manchem Land

der Katholik und der Protestant."

 

"Wo war die Liebe?" Die Stimme schwoll an.

"Was habt Ihr mit meiner Liebe getan?"

Die Liebe trat vor mit stillem Gesicht:

"Ich war immer da, doch sie hörten mich nicht."

 


Der Richter erhob sich, gehüllt in sein Tuch:

"Erwartet von mir keinen Urteilsspruch.

Ich gab Euch die Erde, ich gab Euch mein Wort,

Ihr nahmt beides an, und Ihr warft beides fort,

die Zeichen nicht achtend, Ihr Toren,

längst habt Ihr Euch dem dort verschworen."

Er wies auf den Tod und winkt ihn herbei,

damit nun sein Platz auf dem Richterstuhl sei.

 

Es fielen verstört auf das Angesicht

der Jude, der Moslem, der Christ:

"Du, Weltenschöpfer, verlasse uns nicht,

gib uns noch eine Frist!"

 

"Seht, der Baum der Erkenntnis ist taub,

verkümmert die Äste, verdorrt das Laub.

Doch bringt Ihr den wieder zum Blühen,

dann wird Euch - vielleicht - noch verziehen."

So sprach der Richter, eh er verschwand.

 

Da lachte der Tod hinter der knöchernen Hand.